Kernkurrikulum oder Herzenssache?
Shownotes
Diese Folge widmet sich den Kinderrechten in der Ausbildung von Verwaltungsfachkräften. Zu Gast ist Professor Dr. Jürgen Kegelmann, Experte für Verwaltungswissenschaften an der Hochschule Kehl, der die Rolle der Kommunalverwaltungen, die als Zielgruppe alle Bürger, aber insbesondere die Kinder, die verletztlichste Gruppe, betreuen, beleuchtet. Er betont, dass Kinder gleichzeitig ein ungemeines Kreativitäts- und Innovationspotenzial in die Stadt bringen. Da Verwaltungen stark rechtsorientiert sind, wird oft erst gehandelt, wenn Kinderrechte im Gesetz fixiert sind, weshalb die UN-Kinderrechtskonvention und deren Wirkung auf Bundes- und Landesrecht wie das SGB VIII (Kindeswohlvorrang) oder bspw. § 41a der Baden-Württembergischen Gemeindeordnung (Kinderbeteiligung) entscheidend sind. Prof. Kegelmann identifiziert notwendige strukturelle und kulturelle Veränderungen, um Kinderrechte in der Praxis umzusetzen. Es braucht Vision, Mission und Strategie, da das Thema fast alle Handlungsfelder der Kommune betrifft. Zudem müssen entsprechende Rollen und Zuständigkeiten, wie die des Kinderbeauftragten, geschaffen werden, damit Menschen in der Verwaltung Verantwortung übernehmen. Das Spannungsfeld zwischen knappen Kassen und der Berücksichtigung von Kinderrechten in Haushaltskonsolidierungszeiten hält der Experte oft für einen Scheinkonflikt, da Sparen an dieser vulnerabelsten Gruppe die Zukunft der Stadt verbauen würde. Ein zentrales Thema ist die Partizipation von Kindern und Jugendlichen. Am Beispiel von "Kinderdetektiven" in Meckenbeuren zeigte sich, dass das symbolhafte Hören der Kinderperspektive im Gemeinderatssaal bei den Erwachsenen positive Betroffenheit auslöst und bei den Kindern Verantwortungsgefühl für die Gemeinde schafft. Für die zukünftige Verwaltungsgeneration an der Hochschule Kehl sind Kinderrechte zwar noch nicht im Kernkurrikulum, werden aber durch Fachprojekte und Bachelorarbeiten vermittelt, um Commitment und Begeisterung zu wecken. Abschließend fordert Kegelmann von der Verwaltung, eine Servant Leadership/Dienstleistungs-Haltung einzunehmen, die Kinderbrille aufzusetzen und die Ressource Kinder und Jugendliche im Sinne der Koproduktion zu nutzen. Er sieht zudem große Chancen in der digitalen Partizipation für sogenannte Digital Natives.
Weiterführende Links: Verwaltungshochschule Kehl Kinder als Gemeindedetektive in Meckenbeuren
Produktion: Koproduktion der Städte Mannheim, Köln und des Berliner Bezirks Pankow
Redaktion: Jürgen Brecht, Anica Latzer-Schulte und Aline Fraikin
Moderation: Aline Fraikin
Jingle und Schnitt: Dylan White
Cover: Maja Luna Neumann
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Jürgen Kegelmann: Also wenn Menschen in der Verwaltung merken, das ist auch unser Thema. Wir sind verantwortlich, also auch entsprechende Rollen geschaffen werden, wie zum Beispiel Kinderbeauftragte oder andere Rollen, dann kommt das Thema sozusagen zum Fliegen.
Aline Fraikin: Hallo und herzlich Willkommen, liebe Zuhörerinnen zur neuen Folge des Podcasts Stadtvisionen Jung gedacht. In unserer Podcastreihe wollen wir einen Blick auf die Rechte von Kindern in unserem Land werfen. Gemeinsam mit spannenden Gästen schauen wir, was wir in unseren Städten und Landkreisen tun können, damit Kinder und Jugendliche in einer Umgebung aufwachsen, die ihre Bedürfnisse ernst nimmt und ihnen ein gutes Leben ermöglicht. Mein Name ist Aline Freigeben und ich führe euch durch diese Podcast Episode, in der wir uns heute näher mit dem Thema Kinderrechte im öffentlichen Verwaltungshandeln beschäftigen möchten. Heute sprechen wir mit Professor Dr. Jürgen Kegelmann, der als Experte für Verwaltungswissenschaften an der Hochschule für öffentliche Verwaltung. Kehl lehrt und forscht. Das ist im schönen Baden Württemberg. Herr Kegelmann beschäftigt sich dabei intensiv mit Kinderrechten, Partizipation und der Rolle von öffentlichen Verwaltungen im gesellschaftlichen Kontext. Er hat zahlreiche Erfahrungen gesammelt, wie Kinderrechte in der Praxis umgesetzt werden können, aber auch, welche Herausforderungen dabei bestehen.
Aline Fraikin: Herzlich willkommen, Jürgen Kegelmann. Herr Kegelmann, könnten Sie unseren Zuhörerinnen erklären, warum die Kinderrechte für die Arbeit in der öffentlichen Verwaltung so bedeutend sind?
Jürgen Kegelmann: Die Kommunalverwaltung, wo ich hauptsächlich unterwegs bin, die kümmern sich ja um das Gemeinwohl, also um Dinge, die der Einzelne nicht alleine bewältigen kann. Da gibt es ganz, ganz viele Aufgaben. Während Erwachsene allerdings das ganz gut für sich selber alles hinkriegen, ist es bei Kindern eben oft nicht der Fall. Kinder sind deshalb einfach auf die letzte Gruppe auch, aber auch die Gruppe die Kraft ihrer Jugend und Kindheit, eine ungemeine Kreativität und Innovationspotenzial in die Stadt und in die Verwaltung bringt. Und Zielgruppe der Verwaltung sind eben deswegen einerseits alle Bürger, aber die Kinder sind eben auch ganz, ganz wichtige Menschen in der Stadt. Also eine ganz, ganz wichtige Zielgruppe. Und Verwaltungen? Die orientieren sich oft ganz, ganz stark am Gesetz und am Recht. Also wenn es nicht im Gesetz steht, dann tut man oft tatsächlich nichts. Und deswegen ist es auch gut, wenn Kinderrechte im Gesetz fixiert sind.
Jürgen Kegelmann: Dann kommt nämlich die Verwaltung oft erst ins Handeln. Und deswegen sollte aber die Schule, die Verwaltung unabhängig von Kinderrechten sich natürlich um die Kinder kümmern, weil es einfach eine wichtige Zielgruppe ist.
Aline Fraikin: Sie bilden ja an der Hochschule Kehl auch viele Verwaltungsfachkräfte für kinderfreundliche Kommunen, beispielsweise in Baden Württemberg, aus. Sind Kinderrechte dabei ein integraler Baustein der Ausbildung oder genau Wie tauchen die auf und wie konkret verankern sie das Thema in der Lehre?
Jürgen Kegelmann: Also es wäre ganz, ganz toll, wenn man wirklich sagen könnte Die Kinderrechte kennt jeder Student. Er ist da vertraut und sie sind integraler Bestandteil der Ausbildung. Das ist tatsächlich nicht der Fall. Es gibt nämlich ganz, ganz vieles, was ein Verwaltungsmensch sozusagen kennen und wissen muss. Der muss viel recht können. Der kann Finanzen, Macht, Psychologie usw also ein sehr generalistisches Studium. Und deswegen sind Kinderrechte in dem Sinne kein STANDARD. Abgesehen davon, dass alle natürlich wissen, dass es UN Konvention gibt, zum Beispiel ja, aber es ist jetzt nicht im Kern Curricula verankert. Gleichzeitig machen wir an der Hochschule Kehl seit vielen, vielen Jahren auch ganz regelmäßig kontinuierlich Fachprojekte.
Jürgen Kegelmann: Wie kann man sich auswählen, wo wir das Thema Kinderfreundlichkeit Kindeswohl, Vorrang quasi als Projekt, als Fach Projekt anbieten? Und da wählen dann immer relativ viele 10 bis 15 Studierende des Fachprojekts. Und in diesem Kontext waren wir ja auch schon mal bei euch. In Pankow zum Beispiel haben kinderfreundliche Kommunen besucht. Und da entsteht oft dann so etwas wie auch ein Commitment, eine Begeisterung für das Thema. Ich hatte jetzt gerade dieses Jahr zum Beispiel eine Bachelorarbeit von einer Studentin, die mit dabei war zum Thema Kinderrechte. Und wir haben sogar als Hochschule Kehl mit dem Verein Kinderfreundliche Kommune eine Kooperationsvereinbarung geschlossen. Wo wir einfach sagen wollen, auch das Thema Kinderrechte, noch mehr auch in der Verwaltung, auch in der Hochschule verankern. Wir machen auch Symposien zu dem Thema. Wir versuchen schon, da was zu tun, aber es ist noch nicht im Kern Curriculum verankert, das muss man ehrlicherweise gestehen.
Aline Fraikin: Das heißt, ich kann als Studi in Kehl, wenn ich möchte, auch einen großen Bogen um das Thema machen. Ich kann aber auch wenn ich da eine Grundmotivation habe, mich sehr vertiefen in dem Bereich.
Aline Fraikin: Spannend neben dieser rechtlichen Ebene, die Sie schon angesprochen haben Was braucht es aus Ihrer Sicht auf strukturelle oder kultureller Ebene, damit Kinderrechte stärker im Verwaltungshandeln verankert werden? Also welche Veränderungen werden in den Köpfen auch nötig, in den Prozessen oder Zuständigkeiten Und auf individueller Ebene. Welche konkreten Handlungsmöglichkeiten haben eigentlich Fachkräfte, um diesen Wandel im Alltag in der Kommunalverwaltung aktiv mitzugestalten?
Jürgen Kegelmann: Genau das ist jetzt auch eine Frage. Ich bin ja kein Jurist von Hause aus, sondern ein Verwalter. Also ich habe so Managementthemen und frage mich, wie kriegt man Themen in der Verwaltung zum Fliegen? Auch das Thema Kinderrechte beispielsweise. Und dann sind es immer die gleichen Grundvoraussetzungen. Es braucht irgendwelche Menschen, oft auch Führungskräfte, aber auch Mitarbeiter, die vor Ort ganz konkret Was tun die da? Eine Vision, eine Mission für das Thema haben, die wirklich auch begeistert sind. Die sagen Kinder sind eine ganz, ganz wichtige Gruppe bei uns. Also so was wie eine Mission und Vision. Aber Missionen sind oft eben Papiertiger. Die sind nicht in der Praxis, haben noch keine Umsetzung.
Jürgen Kegelmann: Und damit es dann wirklich in die Umsetzung kommen, braucht man so was wie eine Strategie, weil Kinderrechte tatsächlich fast alle Handlungsfelder der Kommune betreffen. Das denkt man oft nicht, aber tatsächlich viele, viele Themen. Und deswegen ist es gut, wenn man sagt Okay, wie erreichen wir die Vision? Welche Handlungsfelder sind betroffen? Und dann erst in die ganz, ganz konkrete Umsetzung geht? Und da wiederum braucht es Menschen, die auch eine Zuständigkeit haben. Verwaltungen reden ja oft in der Sprache. Wir sind nicht zuständig oder der andere ist zuständig. Also wenn Menschen in der Verwaltung merken, das ist auch unser Thema, wir sind verantwortlich. Also auch entsprechende Rollen geschaffen werden, wie zum Beispiel Kinderbeauftragte oder andere Rollen, dann kommt es das Thema sozusagen zum Fliegen. Und dann? Natürlich braucht man auch gute Prozesse. Es gibt Kommunen, die sagen okay, wir machen mal eine Haushaltsplanung, kinderfreundlich, wo sind da Kinderinteressen betroffen? Usw. Wir versuchen ganz gezielt Prozesse zu gestalten, wo wir Kinder beteiligen. Also auch ein wichtiges Thema.
Jürgen Kegelmann: Und ganz zum Schluss, da kommen wir nicht dran vorbei, braucht man durchaus bis zu einem gewissen Grad auch Ressourcen finanzieller Art, personelle Ressourcen der Begeisterung. Aber ohne ein Mindestmaß an Personalressourcen kommt man auch nicht weit.
Aline Fraikin: Sie haben es gerade schon angesprochen die Beteiligung. Wir haben die Partizipationsrechte auch in den letzten Folgen schon immer mal wieder angesprochen. Also Kinder haben qua UN Kinderrechtskonvention aber auch durch verschiedenste andere Gesetzestexte das Recht, ihre Meinung zu sagen. Wie sieht das aber tatsächlich in der Realität aus? Wie können wir sicherstellen, dass Kinder wirklich in den Kommunalverwaltung gehört werden? Und vielleicht haben sie sogar persönliche Beispiele oder Erfahrungen, wo und wie das mal gut gelungen ist.
Jürgen Kegelmann: Ja, also ich habe tatsächlich ein ganz konkretes Beispiel. Das werde ich nie mehr vergessen. Und zwar am Bodensee. Ich war in Meckenbeuren unterwegs mit Jugendbeteiligung aus Baden Württemberg, den viele kenne. Oder Wenzel. Der hat Meckenbeuren im Rahmen von Kinder und Jugendbeteiligung begleitet. Und die Kinder haben Kinderdetektive gespielt, haben sich die Gemeinde unter dem Blickwinkel der Kinder angeschaut und ganz zum Schluss ein Gemeinderatswahl.
Jürgen Kegelmann: Waren die Kinder alle da. Die durften sich dann quasi auf die Sessel der Gemeinderäte und Gemeinderätinnen sitzen und sogar auf dem Bürgermeister Bürgermeisterin Sessel waren gesessen und außen rum die Gemeinderäte. Und ich werde nie das leuchtende Kinderaugen vergessen, die da in diesen Sesseln da saßen, sie waren da ganz, ganz stolz. Aber ich wäre auch nie die, die Betroffenheit und positive Betroffenheit der Gemeinderäte Gemeinderätinnen vergessen. Weil du hast wirklich gemerkt, wie berührt die waren, dass da Kinder aus ihrer Perspektive die Gemeinde Meckenbeuren schildern. Und da war so viel Energie im Raum. So eine Freude. Aus so einer Resonanz könnte man fast sagen, das wirklich spürbar war. Also diese Gemeinderäte Gemeinderätinnen vergessen dieses Ereignis nicht mehr und es wurde auch deutlich. Kinder haben was zu sagen. Also ja, und deswegen war auch das ein schönes Beispiel. Man sagt, sie wurden gehört. Sie wurden auch symbolhaft repräsentativ, gehört nämlich im Gemeinderat Saal. Und das war ein Beispiel. Ich glaube, wenn man auch solche Erfahrungen ermöglicht, Kindern und Jugendlichen, dann entsteht auch Verantwortungsgefühl, sogar für die Gemeinde.
Jürgen Kegelmann: Ich glaube, das ist ganz, ganz wichtig ist. Das war ein Beispiel, ein kleines Beispiel. Aber ich glaube, es braucht oft nicht viel, um Kinder auch positiv zu beteiligen.
Aline Fraikin: Und was da sicherlich auch passiert ist, ist, dass den Gemeinderätinnen da ein Stück weit auch die die Hemmung genommen wurde, in der Zukunft auch Kinder und Jugendliche zu beteiligen. Es ist ein Stück weit niedrigschwelliger für sie geworden.
Jürgen Kegelmann: Genau das ist ein Gespräch entstanden zwischen Erwachsenen und älteren Menschen und Jugendlichen und zwar sogar auf Augenhöhe in irgendeiner Form. Das hat zum Schluss auch allen Spaß gemacht. Also ich glaube, Kinderbeteiligung macht auch Spaß.
Aline Fraikin: Sehen Sie trotzdem auch irgendwo ein Spannungsfeld zwischen der Lage, in der sich gerade viele Kommunalverwaltung befinden, mit Fachkräftemangel, angespannter Haushaltssituation. Da diese Kinderrechte, obwohl man es sich sozusagen als kinderfreundliche Kommune fest vornimmt, im Verwaltungshandeln diese zu zu berücksichtigen? Oder ist das genau. Ist es in Ihrer Sicht sozusagen einen Konflikt.
Jürgen Kegelmann: Das wird auf jeden Fall oft zum Konflikt, sage ich mal, stilisiert, weil man oft sagt okay, man unterscheidet oft in Verwaltung zwischen Freiwilligen und Pflichtaufgaben, dass man alles, was Pflicht ist, müssen wir machen.
Jürgen Kegelmann: Was freiwillig ist, können wir uns nicht mehr leisten. Ich habe da eine andere Perspektive. Ich glaube, man muss schon fokussieren. Man kann sich nicht mehr alles leisten. Man muss fragen Wo will ich Schwerpunkte setzen? Und da wäre aus meiner Sicht auch für kommunales Handeln natürlich das Thema Kinder ein ganz, ganz wichtiges Thema, weil, wie ich angedeutet habe, das auch die vulnerable Gruppe ist. Also wenn ich da zu viel spare, dann verbaue ich mir die Zukunft auch als Stadt. Deswegen halte ich das für einen auch. Also ein Konflikt, der auch oftmals ein Scheinkonflikt. Ich würde mir wünschen, dass die Kommunen jetzt gerade in Haushaltskonsolidierung Zeiten wirklich sagen okay, was sind Zielgruppen? Also auch diese Zielgruppenperspektive, die uns ganz, ganz wichtig ist, Wo wollen wir auch fokussiert, vielleicht Mittel einbringen? Genau, Nicht sparen. Und da könnte ich mir vorstellen, dass zum Schluss dass die Kinderrechte ein Thema sind, wo man sagt Nein, können wir uns nicht leisten. Denn das ist die Zukunft.
Aline Fraikin: Genau. Also diese langfristige Perspektive einzunehmen und auch zu verstehen.
Aline Fraikin: Okay, wenn wir jetzt hier präventiv ansetzen, dann wirken wir auch ganz konkret gegen Demokratieverlust sozusagen oder andere Probleme, die die später in 15, 20 Jahren dann auch auf die Kommunen zukommen könnten. Sehen Sie denn dabei Unterschiede zwischen kleineren und größeren Kommunen? Also zum einen im Umgang mit diesen herausfordernden Situationen, aber auch darüber hinaus.
Jürgen Kegelmann: Ich habe vor einiger Zeit tatsächlich einen schönen Satz gehört, den ich hier mal ganz kurz zitiere. Der bezieht sich auch erst mal auf Menschen, nämlich Jeder Mensch ist wie jeder andere Mensch. Jeder Mensch ist wie manch anderer Mensch und jeder Mensch ist wie kein anderer Mensch. Und ich habe das schon öfters mal auf Kommunen Organisationen übertragen. Man kann auch sagen, jede Kommune ist wie jede andere Kommune. Jede Kommune ist wie manche andere Kommune und wie jede Kommune ist wie keine andere Kommune. Und bezogen auf diese Größenordnung würde ich sagen okay, im Prinzip kann man schon sagen, jede Kommune hat dieses Thema, sollte dieses Thema haben und ist von daher erstmal gleich. Und die Voraussetzungen, die ich gerade vorhin geschildert habe, sind auch gleich.
Jürgen Kegelmann: Allerdings haben natürlich größere Kommunen vielleicht mehr Personalressourcen, die sich speziell auch für das Thema kümmern können, weil um das Thema Kümmern kümmern können. Sie haben auch vielleicht einen Unterbau. Es spricht einiges dafür zu sagen, Vielleicht haben es große Kommunen da leichter. Andererseits sind aber die großen Kommunen auch ein riesen Tanker, wo dieses Thema dann doch schwer hat, sich dann zum Schluss überall durchzusetzen. Während kleine Kommunen, kann man sagen vielleicht nicht die riesen Ressourcen, vielleicht auch andere Themen auf dem Schirm, aber wenn da Menschen das Thema treiben, dann hat man plötzlich schon fast die gesamte Verwaltung, bis hin auch die die Gemeinde. Also von daher glaube ich, kann man da auch mit wenig Mitteln auch in kleinen Kommunen viel erreichen, vielleicht sogar mehr erreichen als in Großstädten, weil es noch kleinere Beiboote sind, also schneller, wendiger, flexibler. Von daher gibt es Unterschiede, aber dann eben auch wieder nicht, weil die Grundvoraussetzungen, die wir gerade vorhin diskutiert haben, letztendlich die gleichen sind.
Aline Fraikin: Das ist eine schöne Analogie mit den mit den Schiffen.
Aline Fraikin: Ich befinde mich leider in einem recht starren, nicht so leicht zu manövrieren den Tanker und frage vielleicht auch aus der ganz persönlichen Situation heraus. Gibt es Gesetze, Richtlinien, die, die mir in der Argumentation und Motivation meiner Kolleginnen in diesem Tanker helfen könnten, um zu verstehen, dass die Kinderrechte im Verwaltungshandeln integriert werden müssen?
Jürgen Kegelmann: Tatsächlich gibt es da einiges und im Rahmen von unseren Fortbildungen haben wir immer wieder gemerkt, dass ganz, ganz viele tatsächlich diese grund gesetzlichen Grundlagen gar nicht kennen. Tatsächlich, Die UN Kinderrechtskonvention ist natürlich quasi auf dieser Pyramide, der Herr Donald immer zeigt. Ein Rechtswissenschaftler, der sich hervorragend im Thema auskennt, ist natürlich die höchstrangige Sozusagen Gesetzesform Konvention. Aber viele wissen nicht, dass diese Konvention auch auf ganz normales Bundes und Landesrecht wirkt. Also das ist eine ganz konkrete Relevanz hat. Und dann natürlich gibt es auch im Bundesrecht entsprechende Gesetzlichkeiten, gerade im SGB acht, wenn es um das Thema Kindeswohl voran geht oder jetzt seit relativ neuer Zeit auf Paragraph 41 der in baden württembergische Gemeindeordnung, wo es um Kinderbeteiligung geht.
Jürgen Kegelmann: Also man kann schon sagen, es gibt rechtliche Grundlagen und natürlich hat man es als Mensch, als vielleicht auch Führungskraft leichter, wenn man sagt, da steht ein Paragraph, da musst du handeln. Weil, wie gesagt, Verwaltungen oft sehr rechtsorientiert sind. Gleichzeitig glaube ich halt, ist es doch eher die Frage von Haltung, ja auch von Wahrnehmung. Awareness ist ein Begriff, den ich sehr gerne verwende, um dann zu sagen okay, Recht genügt da nicht, aber man braucht Recht und es gibt das Recht. Und da ist Bildungsarbeit natürlich auch bei Verwaltungsmitarbeitern ganz, ganz wichtig.
Aline Fraikin: Welche Rolle kommt da vielleicht auch der Bundespolitik oder der Kommunalpolitik zu?
Jürgen Kegelmann: Ja, also auch eine große Rolle, weil normalerweise sagt man, Politik ist der Gestalter, Verwaltung setzt um. Und wenn Politik das Thema nicht einfordert, nicht auf die Tagesordnung setzt, dann wird Verwaltung im Zweifel auch nichts tun. Und wenn man da auch politisch awareness Wahrnehmungsfähigkeit schafft, wie es ja oft auch gemacht wird, wie zum Beispiel die Frage bringen wir jetzt das Thema Kinderrechte ins Grundgesetz rein? Das sind politische Diskussionen, die symbolisch natürlich dann auch eine starke Wirkung entfalten, weil plötzlich die Zielgruppe der Kinder explizit wird.
Jürgen Kegelmann: Deswegen halte ich viel davon. Oder dass auch Spitzenverbände das Thema aufgreifen, dass Lobbyverbände das Thema treiben. Das, glaube ich, ist ganz, ganz wichtig. Und vor Ort sind es dann zum Schluss Politiker. Wir wissen alle, dass natürlich auch Verwaltung eine große Rolle spielt. Und dann braucht es die Mitarbeiter, die wirklich eine Wahrnehmung dafür haben und dann dieses Thema in ihrer Verwaltung voranbringen. Weil eben und das finde ich manchmal ein Defizit Verwaltungen oft wenig zielgruppenorientiert unterwegs sind. Und die Zielgruppe der Kinder halte ich für eine ganz, ganz wichtige Zielgruppe.
Aline Fraikin: Sie haben im Jahr 2022 an der Studie zum Kindeswohl Vorrang des Deutschen Kinderhilfswerks mitgewirkt. In der Studie haben Sie unter anderem auch ausführlich über die Befugnisse von Rechts aufsichtsbehörden in Bezug auf die Berücksichtigung des Kindeswohls geschrieben. Vielleicht können Sie noch mal ganz konkret für uns darstellen, welche rechtlichen Möglichkeiten Kinder und Jugendliche haben, wenn Gemeinderatsbeschlüsse oder überhaupt Projekte und Maßnahmen in der Verwaltung umgesetzt werden, diese im Hinblick auf das Kindeswohl Vorrang überprüfen zu lassen?
Jürgen Kegelmann: Ja, also Kommunale Aufsichtsbehörden sollen ja die Rechtmäßigkeit sicherstellen.
Jürgen Kegelmann: Das ist auch wichtig, so eine gewisse Kontrolle. Und dazu haben auch kommunale Aufsichtsbehörden bestimmte Instrumente. Sie können sich zum Beispiel unterrichten über Themen usw. Wir haben ein Informationsrecht. Im Zweifel können es auch Gemeinderat beanstanden oder sogar rückgängig machen. Allerdings haben die Kinder jetzt wiederum kein Individualrecht. Wir können das einfordern und und und haben quasi das Recht dazu, weil es gibt da keinen Rechtsanspruch auf ein Einschreiten der Rechtsaufsichtsbehörde. Und ich glaube, es kommt auch noch relativ wenig vor. Ich bin kein Jurist, der sich da im Detail auskennt. Aber das wäre auch ein spannendes Thema. Welche Rolle spielen die Kommunal Aufsichtsbehörden? Vielleicht auch welche sollten sie spielen? Weil auch da, glaube ich, gibt es ein starkes Wissensdefizit. Ja, und von daher glaube ich, ist das ein Thema. Allerdings glaube ich, gibt es noch wenige Beispiele, wo kommunale Aufsichtsbehörden wirklich eingeschritten sind, weil man sagt okay, da ist die UN Kinderrechtskonvention nicht berücksichtigt gewesen.
Aline Fraikin: Aber es ist eigentlich ein sehr spannendes Feld, weil es ja potenziell eine große Hebelwirkung entfalten könnte.
Aline Fraikin: Zum Schluss vielleicht noch ein kleiner Exkurs. Sie beschäftigen sich ja auch viel mit dem Thema Partizipation. In einer Welt, die immer digitaler wird, spielen vor allem für junge Menschen, Plattformen und Apps eine große Rolle. Und gleichzeitig beobachten wir, dass Kommunalverwaltung hier eigentlich total hinterherhinken und hier große, große Wissenslücken haben. Wie sehen Sie aber die Chancen digitaler Partizipation für Kinder? Und sollte in Ihren Augen auch Verwaltungen nachziehen und schneller denken und sich auch auf dieses Feld begeben, um auch für junge Menschen da zu sein?
Jürgen Kegelmann: Also grundsätzlich ist Digitalisierung natürlich ein ganz, ganz wichtiges Thema und ich bin dankbar, dass wir in Kiel jetzt auch noch einen Studiengang haben der digitales Verwaltungsmanagement. Da gibt es ganz, ganz viel Nachholbedarf. Gleichzeitig spielt es ja auch ein wichtiges Thema beim Thema Beteiligung, Digitalisierung und Jugendliche. Kinder sind die sogenannten Digital Natives. Von daher kann man sich natürlich mit digitalen Medien und Tools leichter machen. Von daher würde ich sofort sagen Ja. Nutze diese Plattformen, entwickle sie, gestalte sie gleichzeitig. Natürlich führt kein Weg daran vorbei, am Analogen zumindest teilweise festzustellen.
Jürgen Kegelmann: Ich glaube, man braucht so hybride Ansätze, je nach Größenordnung, nach Anzahl der Beteiligten. Aber definitiv, würde ich sagen, ist Digitalisierung im Rahmen von Bürgerbeteiligung ein wichtiges Thema. Wir haben vor einiger Zeit eine Fortbildung entwickelt zum Thema Bürgerbeteiligung. Da war ein Modul tatsächlich digitale Beteiligung. Es gibt viele schöne Beispiele, wie das gelingen kann, hat auch Risiken, muss man sagen. Aber die Chancen sind, glaube ich, größer. Und gerade Jugendliche wollen sich auch digital beteiligen.
Aline Fraikin: Vielen Dank. Zum Schluss werfen wir unseren Gästinnen immer ein kleines Konglomerat an Abschlussfragen entgegen. Also was würden Sie Menschen in der Verwaltung mit auf den Weg geben, die die Lebenswelt der Bürgerinnen beeinflussen und eben auch die der Kinder? Oder gibt es Tipps, die Sie noch teilen möchten? Vielleicht haben Sie auch kleine Schritte im Kopf, mit denen eigentlich schon relativ viel bewegt werden kann und die jeder recht schnell umsetzen kann.
Jürgen Kegelmann: Ja, ich habe es schon öfters mal in dem Podcast angedeutet. Verwaltungen sind oft primär nicht Kunden, Zielgruppen Bürger orientiert, weil sie eher von innen heraus denken.
Jürgen Kegelmann: Und da ist mir dieses Wort Servicedienstleistungen auch wirklich ganz, ganz wichtig. Es gibt sogar eine Leadership Richtung, der Servant Leadership und Minister heißt. Übersetzt hat sie auch Diener. Und ich glaube, dass Verwaltungen wirklich wieder neu oder immer wieder neu sagen müssen Unser Purpose, unser Sinn, unsere Aufgabe, unser Auftrag ist der Bürger im Allgemeinen, aber eben auch die Kinder im Besonderen. Und diese Haltung auch. Zu sagen, ich gucke wirklich, wie wirkt. Auch unser Handeln ist, glaube ich, ganz, ganz wichtig. Und vor allem Wie wirkt auch unser Handeln auf Kinder? Also diese Kinderbrille ist ganz, ganz wichtig. Und gleichzeitig muss man auch sagen auch Kinder und Jugendliche haben halt fundamentale Kompetenzen, die man auch im Rahmen von gemeinsamer Koproduktion ist ja auch ein Stichwort heute auch nutzen kann. Also auch die Ressource, Kinder und Jugendliche zu sehen. Und ich glaube, es geht in der Zukunft wirklich nur gemeinsam. Jung, alt. Also ganz verschiedene Perspektiven. Und wenn das Gemeinde erlebt oder auch Verwaltung, dann geht es glaube ich auch gemeinsam gut weiter.
Jürgen Kegelmann: Und von daher glaube ich, dass das Thema Service Dienst ein ganz, ganz wichtiges Thema ist und dass zum Schluss das auch wirklich gemeinsam Spaß machen kann. Also das wäre so vielleicht die, die die Erfahrung, die ich weitergeben kann.
Aline Fraikin: Genau das finde ich ein wunderbares Schlusswort. Vielen Dank für das tolle Gespräch. Vielleicht hat es dieses Schlusswort oder das ganze Interview bei einigen Mitarbeitenden auch schon den ersten Impuls in Richtung dieser Haltung ausgelöst. Vielen Dank an Sie, Herr Jürgen Kegelmann, für diesen interessanten Austausch. Habt ihr noch Fragen oder Wünsche für weitere Themen, die wir in unserer Reihe behandeln sollen? Dann schreibt uns gerne an die Mailadresse in den Shownotes. Wenn euch die Folge gefallen hat, abonniert unseren Podcast und lasst uns eine Bewertung da. Der Podcast ist eine Koproduktion der Städte Mannheim, Köln und des Berliner Bezirks Pankow. Redaktion und Produktion Jürgen Brecht, Annika Lazar, Schulte und alle in Freiburg in Musik und Schnitt. Dylan White Cover und Artwork Maya Luna Neumann.
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